Glen Feshie – Urwald, Renaturierung & Wandern in den Cairngorms

In Glen Feshie, im Cairngorms Nationalpark, gibt es etwas, das man weiter im Westen der Highlands fast vergeblich sucht: Wälder. Genauer: Kiefernwälder. Während viele Täler in den Highlands kahl und offen wirken, zeigt Glen Feshie, wie diese Landschaft ursprünglich einmal ausgesehen hat: bewaldete Hänge bis hinauf zur natürlichen Baumgrenze, klare Flüsse und eine erstaunliche Artenvielfalt.

Renaturierung wird in Glen Feshie großgeschrieben. Das Ziel: die ursprüngliche Flora und Fauna der Highlands Schritt für Schritt zurückzubringen. Für Wanderer bedeutet das ein ganz anderes Erlebnis als in vielen anderen Regionen Schottlands – mehr Schutz vor Wind, mehr Leben und ein Hauch von „schottischem Urwald“. Es zeigt uns, wie vielfältig und abwechslungsreich Wandern in Schottland sein kann.

Ein Blick zurück – Warum die Highlands so kahl wurden

Hirsch mit Geweih in den Highlands

Über Jahrtausende hinweg hat der Mensch die Highlands abgeholzt – bis ins 20. Jahrhundert. Als Großbritannien noch ein Empire war und sich mit Spanien und Portugal um die Vorherrschaft auf den Weltmeeren stritt, brauchte das Land viel Holz für seine Schiffe. Bevölkerungswachstum und die Nachfrage nach Nutzholz taten ihr Übriges, sodass die Wälder auf den britischen Inseln immer kleiner wurden.

Im 18. Jahrhundert begannen Landbesitzer zudem, ihr Land für Schafzucht und später für großflächige Jagdgebiete umzugestalten. Wälder galten dabei oft als hinderlich. Mit dem Verschwinden natürlicher Fressfeinde wie des Wolfes konnten sich Rot- und Rehwild stark vermehren. Junge Bäume hatten kaum eine Chance nachzuwachsen. Dieses historische Erbe prägt viele Regionen bis heute – doch Glen Feshie zeigt, dass es auch anders gehen kann.

Glen Feshie macht Hoffnung – Renaturierung in Aktion

Pinie in Glen Feshie
In Glen Feshie dürfen die Scots Pine und andere heimische Pflanzen frei wachsen

Im Cairngorms Nationalpark fand nach und nach ein Umdenken statt. Einige Landbesitzer gaben das lukrative Jagdgeschäft auf oder stellten ihre Flächen für Renaturierungsprojekte zur Verfügung. Glen Feshie am westlichen Rand der Cairngorms ist das bekannteste Beispiel.

Im Rahmen des Cairngorms Connect Project arbeiten hier verschiedene Partner daran, die Scots Pine – die heimische Kiefer – und andere heimische Pflanzenarten wieder großflächig zu etablieren. Die Vision ist langfristig: In rund 200 Jahren soll hier wieder ein natürlicher, temperierter Regenwald stehen – ähnlich dem, der vor der Besiedlung große Teile Schottlands bedeckte.

Nachdem der Rot- und Rehwildbestand 2004 deutlich reduziert wurde, sieht man die Effekte schon heute: Überall wachsen junge Bäume nach. Spaziert man durch Glen Feshie, erkennt man, wie die Highlands aussehen könnten, wenn Wälder wieder eine Chance bekämen. Kiefern reichen hier bis zur natürlichen Baumgrenze auf etwa 650 Metern.

In Glen Feshie wird der Wildbestand weiterhin reguliert. Ziel ist es, das Gleichgewicht beizubehalten, das es dem Wald ermöglicht zu wachsen. Viele Fachleute sehen langfristig die Rückkehr natürlicher Fressfeinde wie Luchse oder sogar Wölfe als sinnvoll an. Gleichzeitig gibt es starke gesellschaftliche Debatten darüber. Fest steht: Glen Feshie ist ein Labor der Zukunft. Hier wird ausprobiert, wie Natur, Landnutzung und Tourismus miteinander funktionieren können – mit allen Widersprüchen, die dazugehören.

Unterwegs in Glen Feshie – Was dich erwartet

Charakter des Tals

Kiefer in Glen Feshie

Glen Feshie fühlt sich anders an als viele klassische Highland-Täler. Statt offener Moorlandschaft begleiten dich Kiefernwälder, der lebendige River Feshie und eine spürbare Wildheit. Der Spaziergang lässt sich beliebig kurz oder lang gestalten, und sogar zu einer zweitägigen Wanderung mit Übernachtung in einem Bothy ausweiten.

Der beste Startpunkt ist der Parkplatz in Achlean, 18 km südlich von Aviemore. Von dort führen gut ausgebaute Waldwege flussaufwärts.

Was Wandernde wissen sollten

Wildgänse auf dem River Feshie
Wildgänse auf dem River Feshie
  • Wege können nach Regen matschig sein
  • Bäche bei Starkregen unpassierbar
  • Wetterumschwünge aus den Cairngorms erreichen das Tal schnell
  • Wettergerechte Ausrüstung mitnehmen
  • Kein Handyempfang: Offline-Karte vorher aufs Smartphone laden

Natur beobachten – Es gibt viel zu sehen in Glen Feshie

Zuerst hat der Wald Plantagencharakter: Hier stehen die Kiefern dicht an dicht, weil sie im Rahmen von Aufforstungsprojekten so gesetzt wurden. Dass es noch sehr junge Bäume sind, erkennt man an ihrer schlanken Weihnachtsbaumform. Erst ab 60 bis 80 Jahren bildet sich bei einer Kiefer die typische, ausladende Krone und rundliche Form aus.

Tipp

Wenn du dir nicht sicher bist, ob du es mit einer Fichte oder einer Kiefer zu tun hast, schaue dir die Nadeln an. Bei Kiefern wachsen die Nadeln immer paarweise aus dem Zweig heraus; bei Fichten einzeln.

Wildpferde in Glen Feshie
Wildpferde im oberen Glen Feshie

Je weiter man ins Tal vordringt, desto wilder wird sein Charakter. Bäche ergießen sich über steile Abhänge in den River Feshie, der mal ruhig plätschert, mal Stromschnellen bildet. Oft lassen sich Wildgänse beobachten, im oberen Teil des Tals auch Wildpferde.

Die Kiefern sind hier mit ihren runden Kronen und geschwungenen Ästen leicht als solche zu erkennen. Sie sind deutlich älter als in den vorangegangenen Plantagen – manche mehr als 300 Jahre alt – stille Zeugen einer Zeit, in der Wölfe noch durch die Highlands streiften.

Anekdote

Als ich mal eine Gruppe Gäste durch Glen Feshie geführt habe, sagte einer voller Staunen: „Das sieht aus wie eine Szene aus Jurassic Park.“
Das fand ich ganz treffend. Fehlen nur noch die Dinos. 😄

Glen Feshie – Ein Vorbild für alle Täler in den Highlands

pinien river feshie
Der von Kiefern gesäumte River Feshie

Wer noch nie in Schottland war, verbindet die Highlands mit einer kargen und kahlen, braunen Landschaft. Das trifft auf viele Regionen, vor allem im Westen, auch zu. Schottlands Urwald ist über Jahrtausende geplündert worden, bis fast nichts mehr davon übrig war. Glücklicherweise hat man sich mittlerweile in manchen Gegenden besonnen. Man sieht die Natur dort weniger als profitable Ressource und Gelddruckmaschine an, sondern als wichtigen Bestandteil unseres Lebens und unseres natürlichen Erbes, das es wert ist zu erhalten und in seinen gesunden Urzustand zurückzuversetzen.

Glen Feshie ist deshalb kein besonderes Tal, in dem besondere Bedingungen vorherrschen, die es sonst nirgends gibt. Man hat dort nur einen anderen Ansatz fürs Landmanagement gewählt und Renaturierung über Profit gestellt. Es könnte also eine Blaupause für viele andere Täler in den Highlands sein – wenn der Wille dazu da wäre.

Mit seinen zahlreichen Renaturierungs- und Aufforstungsprojekten ist Glen Feshie ein echter Hoffnungsschimmer und zeigt, dass die Highlands in Zukunft zumindest einen Teil ihres Urwaldcharakters wiedererlangen könnten und die menschliche Gier vielleicht doch nicht unendlich ist.

Allzeit schöne Abenteuer
Natalie