Unterwegs in den Cairngorms – Tundra, Plateaus und wilde Weite

Wandere ich durch die Highlands, gibt es eine Region, in der es immer mehr Besucher hat als in anderen: in den West Highlands. Jeder möchte einmal dorthin, und das ist auch gut, denn es ist schön dort. Es ist jedoch nicht die einzige schöne Ecke zum Wandern in Schottland. Im Osten gibt es ein riesiges Felsmassiv mit unzähligen Gipfeln, durchzogen von dutzenden Tälern und Schluchten, das viele übersehen: die Cairngorms.

Und dieses Felsmassiv möchte ich dir in diesem Artikel näherbringen. Es ist anders als die West Highlands, aber nicht minder schön, und hat vielleicht sogar noch mehr Wildheit zu bieten als der besser bekannte Westen, denn die Cairngorms sind unberührter, und deshalb fühlen sie sich auch so an.

Cairngorms – Was sie so besonders macht

Tal in den Cairngorms

Das Cairngorms-Gebirge ist Teil des gleichnamigen Cairngorm Nationalparks, der 2003 gegründet wurde. Namensgeber ist der gleichnamige Berg „Cairngorm“, der sich im Westen des Plateaus befindet. Auf Gälisch bedeutet Cairn gorm so viel wie „Blauer Berg“. Kurioserweise heißt das Cairngorms-Gebirge auf Gälisch aber „An Monahd Ruadh“ (sprich: An Monech Ru-ech“) – auf Deutsch: das rote Gebirge. Das konnten die meisten Menschen (vorwiegend Engländer) nur nicht aussprechen, sodass das Gebirge jetzt einfach Cairngorms heißt, benannt nach einem der aussprechbaren Gipfel auf dem Plateau.

Ob nun rot oder blau, die Cairngorms sind jedenfalls ein undurchdringbares Bollwerk aus Granit. Es gibt keine einzige Straße, die durch das Gebirge führt. Möchte man vom Osten in den Westen, oder vom Süden in den Norden, muss man außen herum um diese Granitfestung fahren. Das macht das „Innere“ dieses Bollwerks, nämlich die Täler, Berge und das Plateau, nur noch interessanter. Hier lässt sich nämlich die Abgeschiedenheit fühlen wie an kaum einem anderen Ort in den Highlands.

Es gibt zwar viele Wege und Pfade, die über die verschiedenen Plateaus führen und Gipfel und Täler miteinander verbinden, doch sie alle sind viele Kilometer von der nächsten Straße entfernt – von der Zivilisation ganz zu schweigen. Begibt man sich in diese Wildnis, ist ein Abenteuer garantiert, denn die Cairngorms sind immer für eine Überraschung gut – meistens aufgrund des wechselhaften Wetters, aber nicht nur …

Mini-Tundra mitten in Schottland

Graslandschaft auf dem Cairngorms-Plateau
Graslandschaft auf dem Cairngorms-Plateau

Denken wir an Tundra, kommen Nordnorwegen, Alaska, Sibirien und Regionen mit einem Breitengrad jenseits der 70° in den Sinn. Schottland? Eher nicht. Und doch herrschen auf dem Cairngorms-Plateau aufgrund seiner Höhe von 1.000 m bis 1.200 m Bedingungen wie in der Tundra, auch wenn wir uns hier mit 56° nördlicher Breite weit weg von den klassischen Tundraregionen dieser Welt befinden. Das Cairngorms-Plateau ist eine der südlichsten Tundraregionen in der nördlichen Hemisphäre.

Loch Avon in den Cairngorms
Loch Avon auf 700 m – im wahrsten Sinne des Wortes ein Loch im Cairngorms-Plateau

Bei einer Wanderung auf das Plateau sehen wir beim Aufstieg sehr schnell, wie sich die Landschaft um uns herum verändert. Während auf 500 m oder 600 m das Heidekraut noch kniehoch wächst, reicht es uns auf dem Plateau nicht mal mehr bis zum Knöchel. Moose und Tundragräser dominieren hier oben das Bild.

Bäume? Fehlanzeige. Die Baumgrenze in den Cairngorms liegt auf lediglich 600 m Höhe – sehr schön zu sehen in Glen Feshie, das am westlichen Rand der Cairngorms liegt. Zu kalt sind die Sommer und zu stürmisch die Winter auf dem Plateau, sodass Bäume in höheren oder in exponierten Lagen keine Überlebenschancen haben. Das überall in den Highlands üppig vorhandene Rotwild tut sein Übriges, den Baumbestand geringzuhalten. Schafft es ein Bäumchen doch, den harschen Bedingungen und Fressfeinden zu trotzen und sich auf dem Plateau festzukrallen, wächst es nicht über Knöchelhöhe hinaus.

cairngorm wetterstation winter
Wetterstation auf Cairngorm – im Winter eine Eisskulptur

Um einen Eindruck darüber zu bekommen, wie stark der Wind im Winter auf dem Plateau blasen kann, hier noch ein britischer Wetterrekord, der von der Wetterstation auf dem Gipfel von Cairngorm im März 1986 aufgezeichnet wurde: 277 km/h Windgeschwindigkeit!

Auch wenn das ein absoluter Sensationswert war, ist der Wind im Herbst und Winter nicht zu unterschätzen. Regelmäßig fegen Orkanböen übers Plateau. Selbst wenn es nicht schneit, kann man sich dann in einem Schneesturm wiederfinden, wenn der bereits liegende Schnee vom Wind wieder aufgewirbelt wird.

Für Wanderlustige bedeutet das

Mehr Wind, weniger Schutz und ein höheres Risiko, bei Nebel die Orientierung zu verlieren. Was du unterwegs konkret beachten solltest, erkläre ich weiter unten im Abschnitt „Unterwegs sein“.

Geologie & Landschaftsform – Einzigartig in Schottland

Die Berge der Cairngorms haben bis auf ein paar wenige Ausnahmen sehr flache und abgerundete Gipfel, die aus dem Plateau herausragen. Von weitem gesehen erinnern die Cairngorms an Walrücken. Hauptgrund, warum die Cairngorms „runder“ sind als die zerklüfteten und kantigen Berge im Westen, ist die Gletscheraktivität in der letzten Eiszeit, die vor 120.000 Jahren anfing und vor 11.500 Jahren endete.

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Die „Walrücken“ der Cairngorms

In den West Highlands gab es schon immer mehr Niederschlag als im Landesinneren. Die Eispanzer waren im Westen also viel dicker als im Osten und die Gletscher haben sich demnach viel intensiver und stärker durch die Landschaft gefräst und die zerklüfteten Berge der West Highlands geschaffen.

Die Cairngorms sind dagegen rundlich geblieben. Was die einen als „langweilig“ bezeichnen, bezeichne ich als Vorteil, denn ihre Form macht die Berge der Cairngorms leichter zugänglich als die in den West Highlands.

Konkret bedeutet das für Wanderer

  • Sanfte Anstiege
  • Längere Zustiege, oft durch wunderschöne Täler
  • Geringe Höhenunterschiede zwischen den einzelnen Gipfeln erlauben richtig lange Plateauwanderungen
  • Ideal im Sommer: Langer Aufenthalt auf dem kühleren und mückenfreien Plateau

Meine ersten Abenteuer

Als ich noch kaum Erfahrung im Bergwandern hatte (und in Schottland schon gar nicht), waren die Gipfel der Cairngorms meine erste Anlaufstation. Hier geht es auf viele Gipfel sanft hinauf, ohne Kraxeleinlagen oder Durchqueren von schwierigem und schroffem Gelände. Ideal für Bergwanderer-Einsteiger.

Tierwelt der Cairngorms – Hart im Nehmen

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Schneehühner im November mit noch nicht ganz weißem Wintergefieder

Aufgrund der kühlen und kurzen Sommer sowie stürmischen und bitterkalten Winter ist das Cairngorms-Plateau ein sehr lebensfeindlicher Raum. Hier überlebt nur, wer sich optimal an diese Bedingungen angepasst hat. Diese Überlebenskünstler sieht man manchmal öfter, manchmal nur mit etwas Glück und einem scharfen Auge, wenn man auf dem Plateau oder in den Tälern unterwegs ist.

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Finde den sehr gut getarnten Schneehasen

Schneehasen und Schneehühner gehören zu den bekanntesten Bewohnern des Cairngorms-Plateaus (man findet sie aber auch in anderen Gegenden in den Highlands). Diese Tiere haben sich perfekt an die Bedingungen angepasst und bedienen sich jedes Jahr zweimal an einem sehr cleveren Trick: Sobald es im späten Herbst kalt wird und der Winter vor der Tür steht, verändert sich die Farbe ihres Fells bzw. Gefieders von steingrau in schneeweiß.

So sind sie bestens getarnt, wenn der Schnee kommt, und können nicht so leicht von Steinadlern und Bussarden erspäht werden. Im Frühling verändert sich die Fell- bzw. Gefiederfarbe dann wieder zurück in steingrau, und sie sind von Felsen und Geröll nur sehr schwer zu unterscheiden.

rentier nebel

Andere illustre Bewohner – und absolut einmalig in den Highlands – sind Rentiere. Ja, richtig gelesen. In den Cairngorms gibt es Rentiere. Sie wurden 1952 hier angesiedelt und fühlen sich in der Mini-Tundra der Cairngorms genauso pudelwohl wie zu Hause in Skandinavien. Wenn du mehr über die wohl illustresten Bewohner der Cairngorms wissen möchtest, schau im Artikel „Rentiere – Die arktischsten Bewohner der Cairngorms“ vorbei.

Das Cairngorms-Gebirge – 4 der 5 höchsten Berge Schottlands sind hier zu Hause

Das Cairngorms-Gebirge hat einige der höchsten Berge Schottlands zu bieten. Abgesehen von Ben Nevis (1.345 m) in den West Highlands, der der höchste Berg Schottlands ist, sind alle anderen der Top 5 in den Cairngorms angesiedelt – und zwar ziemlich nahe beieinander:

top4 cairngorms
  • Ben Macdui: 1.309 m
  • Braeriach (sprich: Brä-ri-ach): 1.296 m
  • Cairn Toul (sprich: Cärn Tuhl): 1.291 m
  • Sgòr an Lochan Uaine (sprich: Skor an Lochen u-anje): 1.258 m

Ben Macdui liegt auf der östlichen Seite einer Schlucht, die den Namen Lairig Ghru (sprich: Lahrick Gru) trägt; alle anderen drei Riesen befinden sich auf der westlichen Seite. Der Lairig Ghru ist ein Pass, der die nordwestlichen Cairngorms mit dem Südosten verbindet. Früher war er eine wichtige Verbindungsstrecke und wurde von Viehtreibern genutzt, um Vieh von Rothiemurchus Forest im Nordwesten nach Braemar im Südosten und weiter zu den Viehmärkten in den Lowlands zu treiben.

Heute ist der Lairig Ghru eine beliebte Wanderstrecke. Sie führt auf den ursprünglichen Viehtreiberpfaden entlang am River Dee, der in einer Quelle auf dem Plateau nahe dem Gipfel von Braeriach seinen Ursprung hat.

Die Traverse über die 4 Munros Braeriach, Cairn Toul, Sgòr an Lochan Uaine, Devil’s Point, und zurück durch den Lairig Ghru ist eine der beliebtesten Plateau-Wanderungen in den Cairngorms.

Anekdote

Als ich zum ersten Mal auf Ben Macdui stand und über die tief darunter liegende Schlucht – den Lairig Ghru – hinüber zu Braeriach und Cairn Toul blickte, habe ich erst richtig ein Gefühl für die Weite und Tiefe der Cairngorms bekommen. Ich war ein Zwerg unter Riesen. Nirgends anders in Schottland sorgt die Landschaft für solche Kontraste.

Winter in den Cairngorms – Ein Traum für Wintersportler

Fiacaill Ridge im Winter
Blick auf den Kamm der Fiacaill Ridge

Aufgrund ihrer Lage im Landesinneren ist es in den Cairngorms das ganze Jahr über deutlich kühler als in den Regionen an der Westküste. Der Frühling fängt hier auch in niedrigeren Lagen meist einige Wochen später an als an der Westküste, und der Herbst setzt früher ein. Die Winter sind meistens verlässlich kalt, auch wenn es in den vergangenen Jahren deutlich weniger Schnee gab und es wärmer war. Die drei Skiresorts in den Cairngorms hatten trotzdem viel Kundschaft.

Doch nicht nur für Skifahrer, sondern auch für Wanderer, Bergsteiger und Eiskletterer haben die Cairngorms im Winter viele spannende Abenteuer parat. Die Northern Corries (nördlichen Bergkessel) von Cairngorm sind beliebte Ziele für alle, die gerne vertikal auf einen Berg steigen. An steil abfallenden Felsen gibt es hier dutzende Kletter- und Bergsteigerrouten.

Wer es lieber etwas horizontaler mag, kommt im Winter in den Cairngorms ebenfalls voll auf seine Kosten: Meist ab Mitte Januar ist das Plateau von Schnee und Eis bedeckt. Die Landschaft sieht dann komplett anders aus als im Sommer und bietet auch für Wiederkehrer viele neue Perspektiven und Einblicke.

Ein schönes Beispiel für die Kontraste der Jahreszeiten ist unten zu sehen: Wir blicken hier von Sgòr Gaoith (sprich: Skor Gu-i) über Loch Eanaich (sprich: Loch I-anich) hinüber zu Braeriach. Die Fotos habe ich aus fast derselben Position aufgenommen: einmal im September und einmal im Februar. Vor allem, wenn der Himmel im Winter nicht strahlend blau ist (und das ist der Normalfall 😉) sorgt der monochrome Charakter der Landschaft für ein sehr stimmungsvolles Erlebnis.

braeriach sommer
braeriach winter

Unterwegs sein – Was du wissen solltest

Die Cairngorms sind ein absoluter Traum für Wanderer. Zeigen sie sich an einem Schönwettertag von ihrer besten Seite, lassen sich wunderschöne Plateautouren machen, die du beliebig lang gestalten kannst – vor allem wenn du wildcampen gehst oder eine Bothy-Tour geplant hast.

Navigation auf dem Plateau

Das weitläufige Plateau kann aber auch seine Tücken haben: Bei geringer Sicht ist das Risiko, die Orientierung zu verlieren, nicht zu unterschätzen. Auf dem Plateau gibt es bei Nebel so gut wie keine Orientierungspunkte, da die Landschaft über Kilometer hinweg für ungeübte Augen gleich aussieht. Das macht es schwierig, sich im Gelände zurechtzufinden – selbst mit Karte und Kompass.

Diesen Umstand solltest du bei deiner Tourenplanung berücksichtigen. Bist du nicht geübt im Navigieren, empfiehlt es sich, auf den gut ausgetrampelten Wegen zu bleiben. Sobald du siehst, dass Nebel aufkommt, schaue dir deine genaue GPS-Position an, und dann gilt: Karte und Kompass raus für alle Fälle.

Wind auf dem Plateau

Die Cairngorms sind im Winter für ihre schweren Winterstürme berühmt-berüchtigt. Doch auch in den Sommermonaten kann es hier ganz schön ziehen. Da das Plateau auf rund 1.000 m Höhe liegt, bedeutet das: Bei Wind ist es hier sehr kühl – selbst im Sommer. Schnell spürt man dann am eigenen Leib, dass man sich hier in einem lebensfeindlichen Raum aufhält.

Aber auch hier hilft dir der Wetterbericht weiter und lässt dich einschätzen, welche Ausrüstung du benötigst.

Expertentipp

Aufgrund der eher flachen und rundlichen Topologie des Cairngorm-Plateaus, ergibt sich bei windigen Bedingungen eine Besonderheit: Der Wind ist oft stärker als im Wetterbericht angegeben, da es auf dem Plateau keine Hindernisse gibt, die ihn abbremsen könnten und er somitstetig beschleunigt. Das sieht meistens so aus:

  • Bei Westwind: Die Windstärke nimmt Richtung Osten zu
  • Bei Ostwind: Die Windstärke nimmt Richtung Westen zu

Je nachdem, in welcher Ecke der Cairngorms du deine Tour geplant hast, kann dir dieser Einblick helfen, die Bedingungen am Tourtag besser einzuschätzen.

Die Cairngorms – Mindestens einen Besuch wert

Ich gebe es zu: Ich bin absolut voreingenommen. Die Cairngorms sind meine Heimat. Hier hatte ich meine ersten Munro-Abenteuer und hier habe ich die Freiheit des Wanderns in Schottland zum ersten Mal richtig kennen und lieben gelernt.

Aufgrund ihrer zahlreichen Kontraste gehören die Cairngorms definitiv zu meinen Lieblingsregionen in den Highlands. Hier gibt es bewaldete Täler, steile Schluchten, imposante Felsformationen und Abenteuer zu erleben. Läuft man dann noch einem der hartgesottenen Plateaubewohner über den Weg, ist das Erlebnis perfekt.

Die Cairngorms müssen sich ganz bestimmt nicht hinter den besser bekannten West Highlands verstecken. Im Gegenteil: Wen es mehr in die Einsamkeit zieht, kann hier noch fast unberührte Orte finden, auch in der Hochsaison im Sommer. Vielleicht kommst auch du mal in den Cairngorms vorbei und schaust dir dieses Naturparadies aus der Nähe an?

Was auch immer deine nächsten Pläne sind, ich wünsche dir

Allzeit schöne Abenteuer
Natalie